Der Mann unter dem Baum

Immer wenn ich morgens aufstehe, schaue ich als erstes aus dem Fenster hinaus in den Garten.
Wenn die ersten Sonnenstrahlen in den Baumwipfeln so tun, als wären sie aus purem Gold, dann versammeln sich dort die Vögel um sich zu wärmen.
Und dann kriechen diese Strahlen ganz langsam nach unten. Unter den großen, uralten Fichten wabern noch ein paar Nebelschwaden zwischen den Baumstämmen. In jeder Jahreszeit ist es etwas anders und immer wieder faszinierend.

In der letzten Zeit bin ich ein wenig besorgt. Bei diesem morgendlichen Ritual sehe ich immer öfter einen Mann unter einer dieser alten Fichten sitzen. Er sitzt auf einem Stuhl, auf einem Stuhl aus unserem Garten. Der steht sonst immer an unserem Lieblingsplatz unter dem Walnussbaum. Das kommt mir alles ziemlich merkwürdig vor.

Ich werde in letzter Zeit immer ziemlich früh wach. Das ist vermutlich der Hunger.
Mein Süßer und ich haben beschlossen etliche Kilos loszuwerden.
Und jeden Morgen sitzt da dieser Mann und frühstückt ganz genüsslich. Trinkt vermutlich duftenden Kaffee und futtert Brötchen. Vermutlich mit leckerem Käse oder gekochtem Schinken.

Eines Morgens ziehe ich mich rasend schnell an und bin wie der Blitz im Garten und laufe zu diesem Mann hinüber. Als ich an dem Baum ankomme, ist der Mann verschwunden. Aber ich höre, wie aus weiter Ferne, ein albernes Lachen.

Seltsam. Beim Frühstück spreche ich mit meinem Süßen darüber. Der schaut mich mit riesengroßen, erschreckten Augen an. “Warum sagst Du mir das erst jetzt”?

“Na, ja, antworte ich, so im Morgennebel war ich mir nicht immer so sicher, ob das nicht eine optische Täuschung ist. Aber heute Morgen habe ich auch ein Lachen gehört. So, ein verrücktes, albernes Lachen. Und das wurde immer leiser. Als ob sich diese Person immer weiter entfernt hat”.

Mein Süßer schaute mich ganz lange an. “Meinst Du nicht vielleicht, dass Du gestern eventuell zuviel von dem Rotwein hattest”?
Ich schüttelte den Kopf. “Nein, das glaube ich nicht. Das war nur ein Glas. Das stecke ich locker weg”!
“Ja, aber vergiss nicht, wir essen seit einiger Zeit sehr viel weniger, weil wir doch ein paar Kilo abnehmen wollen. Und dann verträgst Du das nicht so gut”.
“Aber, das war nur ein Glas über den ganzen Abend verteilt. Das glaube ich nicht”.

Wir diskutierten noch während des ganzen Frühstücks. Was allerdings schnell vorüber war.
Es gab ja auch nur ein kleines Früchtemüsli und eine Tasse Mate Tee.

Anschließend ging jeder an seinen Arbeitsplatz. Wir haben ein gemeinsames Büro.
Ich bemerkte, wie mein Süßer immer wieder zu mir rüber schielte. Sollte er doch. Ich würde ihm schon beweisen, dass ich kein ‘Ding an der Waffel’ habe.

Am nächsten Morgen stand ich wieder bei Sonnenaufgang am Fenster. Und da saß er, der “Mann unter dem Baum”. Er lächelte sogar. Plötzlich bemerkte ich, wie mein Süßer neben mir auftauchte. “Na, jetzt bin ich aber gespannt”, flüsterte er mir ins Ohr. Ich deute mit meiner rechten Hand zu der alten Fichte. Der Mann lächelte noch immer und wieder erklang dieses verrückte Lachen.

Ich schaute meinen Süßen an und sagte: “Weißt Du, mein Hase, jetzt siehst Du mal wie das ist, wenn man sich selber nicht über den Weg traut”.

Der Süße war ganz bleich geworden. “Ich glaube nicht, was ich da sehe und höre. Ich ziehe mich jetzt schnell an und geh nach draußen. Dem Typen werde ich Beine machen. Das verspreche ich Dir”! Und schwupps war er angezogen und die Treppe runter geflitzt.

Ich beobachtet das ganze vom Schlafzimmerfenster. Sah wie sich die Haustür öffnete und mein Süßer rauslief. Und genau in dem Moment verblasste der Mann und man hörte wieder dieses irre Lachen.

Mein Süßer kam wieder rein. Ihm standen kleine Schweißperlen auf der Stirn. Seine Atmung war etwas unregelmäßig und sein Blick ein wenig irre. Ich machte mir Sorgen.
So kannte ich ihn überhaupt nicht. Er war sonst immer so besonnen, ausgeglichen und in sich ruhend. Ein Fels in der Brandung.
“Hase, bleib ganz ruhig. Wir werden das  in den Griff bekommen”.
Er atmete schon etwas ruhiger. “Ja, da hast Du recht. Wir werden eine Lösung finden”.

Nach unserem üppigem 😉 Frühstück, bestehend aus einer Scheibe Knäckebrot mit Ultra – Leicht – Käse und unserem Mate Tee, begannen wir einen Plan zu schmieden. Darin waren wir einsame Spitze.
Nach einer Stunde Diskusssion hatten wir dennoch keine Lösung. Wir gingen nach draußen um eventuelle Spuren zu sichten.
Ich nannte uns die “Spusi”. Damit machte ich mich lustig. Keine gute Idee. Brachte mir nur Minuspunkte.
Also, um es kurz zu machen, Spuren haben wir keine gefunden. Auf meine Frage nach eventuellen DNA Spuren, erntete ich einen solch vernichtenden Blick, dass ich mich kaum traute, weiter zu reden.

Aber ich gestattete mir die Frage nach einem eventuellen zweiten Frühstück.
Das hätte ich auch nicht tun sollen.
So ging das die nächsten Tage immer weiter.

Das Wetter war einfach wunderbar. Überall bei den Nachbarn wurde gegrillt.
Der Duft von gebratenem Fleisch, Bratwürsten und Hühnchen wehte zu uns rüber.

Eines Abends, wir kamen gerade von unserem sechs Kilometern Power Walking nach Hause, da saß “der Mann” an unserem Terrassentisch und war dabei eine riesige Bratwurst mitsamt Pommes Frites zu verspeisen. Vor ihm stand ein Glas Bier. Ein Bier mit Schaumkrone. Das Glas war von außen beschlagen und kleine Tropfen rutschen ganz langsam herunter.
Mein Süßer blieb stehen und schluckte mehrfach. Ich vermute mal, ihm lief das Wasser im Munde zusammen.
Dann drehte er sich zu mir um, amtete tief durch und fragte mich nach der Uhrzeit.
Ich sagte ihm, es wäre jetzt 18.20 Uhr.
“Dann fahre ich jetzt noch schnell ins Einkaufszentrum”. Und verschwunden war er.
“Der Mann” war jetzt weg. Ein leises Lachen war aber immer noch zu hören.
Nach einer knappen Stunde war mein Süßer wieder da.
Der Einkaufskorb quoll über. Bratwurst, Bier, Wurst und Käse kamen zum Vorschein.
Er hatte sogar an meinen Lieblingswein gedacht.

Bei einer Diät kommt es leicht mal zu Halluzinationen…… 😆

Machts gut Nachbarn und lasst es Euch einfach schmecken.

 

Eure Jutta

 

 

 

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