Im alten Bahnhof – Kapitel 4 Eine Geschichte aus Brandenburg

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“Ihren Rechner kann man doch nur nutzen, wenn man das Passwort kennt”.
Dieser Satz von Herrn Weesow brachte Jule aus dem Gleichgewicht.
Wieso wusste er davon. Das Passwort hatte sie erst gestern Nachmittag eingerichtet.
Sie hatte es auch nirgends aufgeschrieben. Es konnte niemand wissen. Gab es einen zweiten Zugang zu ihrem Rechner?
Das waren zu viele Fragen auf einmal. Als Kind hatte sie mit großer Begeisterung Filme mit Bud Spencer und Terence Hill gesehen. Diese “Vier Fäuste…” würden hier ganz schnell “klar Schiff” machen. Aber das war wohl nur ein Wunschtraum..
Alle Mitarbeiter standen ratlos herum.
Jule räusperte sich und sagte dann: “Es ist erst mein dritter Arbeitstag und nichts läuft wirklich gut. Wenn es hier Kollegen gibt, die mir oder meiner Aufgabenstellung nicht gewogen sind, dann möchte ich um ein offenes Gespräch bitten. Alle anderen Methoden seinen Unmut kund zu tun finde ich total daneben. Ich gehe jetzt für 1 Stunde wieder in mein Büro. Wenn einer von ihnen mit mir ganz offen sprechen möchte, bin ich ganz Ohr.
Nichts davon wird an die große Glocke gehängt. Ich meine, ich würde in diesem Fall Abstand davon nehmen die Geschäftsleitung in Berlin zu verständigen”.

Jule ging in ihr Büro, schloss die Tür, setzte sich hin und atmete tief durch.
Das fing nicht gut an für sie. Da waren in diesen 3 Tagen schon zu viele Unstimmigkeiten.
Was sollte Jule tun?
Als allererstes versuchte sie ihr Dossier von gestern nochmals zu schreiben. Das ging recht flott. Es waren ja nur wenige Stunden vergangen.
Nach ca. 45 Minuten klopfte es an ihrer Tür.
Herr Weesow und Herr Bergmann traten gemeinsam ein.
Jule bat sie Platz zu nehmen. “Meine Herren, was kann ich für sie tun? Ich bin schon ganz gespannt”.
Chris Bergmann ergriff das Wort: “Frau Kienitz, es tut uns wirklich in der Seele weh, was sich hier abspielt und wir werden alles tun, was diese Situation verbessert”.
Herr Weesow meldete sich zu Wort: “Es mag zwar den Anschein haben, dass ich gegen die neuen Medien bin, das ist im Ansatz auch richtig, aber trotzdem finde ich, das ihr Konzept wirklich Hand und Fuß hat”. In dem gleichen Moment stockte Herr Weesow und wurde ganz rot. Herr Bergmann räusperte sich und Jule stockte der Atem.
Lange Zeit sagte keiner ein Wort.
Jule fing sich als erste wieder: “Meine Herren, vielleicht täusche ich mich ja, aber wird hier nicht ein böses Spiel mit mir getrieben? Sie versuchen mich einzuschüchtern oder klein zu kriegen, das kann man nennen wie man will. Sie haben offensichtlich nur abgewartet, bis ich mein Konzept fertig habe, entwenden es dann um bei ihrer Geschäftsleitung groß raus zu kommen. Das ist nahezu widerwärtig”.
Sie griff zum Telefon. Im gleichen Moment griff auch Herr Bergmann zu demselben Telefon und nahm Jule den Hörer wieder aus der Hand.
“Das ist alles anders, als es aussieht, glauben sie uns Frau Kienitz.
Ja, wir alle haben Angst davor eingespart zu werden. Kaum haben wir einen Arbeitsplatz hier in dieser Stadt gefunden, haben keine langen Arbeitswege mehr und dann kommen sie mit super guten Ideen. Und ganz im Vertrauen, unserer Stadtverwaltung ist dieses ganze Unterfangen, den öffentlichen Anzeiger digitalisieren zu lassen, sehr suspekt.
Es steht seit einiger Zeit im Raum, das uns dieser Auftrag entzogen wird.
Wir haben sowohl der Stadtverwaltung als auch den drei hiesigen Kirchengemeinden das Angebot unterbreitet ihre Gemeindeblätter ebenso mit zu integrieren.
Die Stadtverwaltung enthält sich bisher einer Antwort und von den Kirchen haben wir auch noch keine Reaktion.
Und was die Werbe – Webseite für die örtlichen Unternehmen angeht, so hat hier lediglich ein ortsansässiger Bauunternehmer eine feste Zusage erteilt.
Das sieht also nicht so gut aus”.

Jetzt war es plötzlich ganz ruhig im Büro. Jeder hing seinen Gedanken nach.
Jule stand auf und ergriff als erste wieder das Wort:
“Und jetzt möchte ich wissen, wer mein Dossier entwendet hat. Bevor wir hier nicht ehrlich miteinander umgehen, werden wir auch keine Lösung finden”.
Herr Weesow antwortete: “Da haben sie völlig recht, Frau Kienitz. Ich war das. Sie haben gestern als sie sich das Passwort ausgedacht haben, dieses aufgeschrieben. Auf diesen Block hier”. Er hielt den Notizblock, der neben dem Rechner lag in die Höhe.
“In diesem Moment ging ich an ihrem Büro vorbei. Sie vernichteten diese Blockseite, haben sie aber nur zerrissen und den Papierkorb geworfen. Nachdem sie Feierabend gemacht hatten und die Putzfrau noch nicht da war, schlich ich mich wieder in Ihr Büro und habe den Papierkorb geleert. Dann habe ich das Blatt wieder zusammen gesetzt. Nicht lange und ich hatte das Passwort. Das Dossier aus der Ablage habe ich auch an mich genommen. Bei dem Rest hat mir dann Herr Bergmann geholfen”.

Jule nickte und sagte erstmal eine ganze Weile kein Wort. Das war starker Tobak. Konnte sie ihren Kollegen jemals vertrauen? Wie sollte sie sich verhalten? Eine ganz schwierige Frage. Sie blinzelte einen Moment mögliche Tränen weg, sammelte sich und sagte dann mit klopfendem Herzen: “Okay, meine Herren, wenn Sie mir hier und jetzt versprechen das es keine weiteren Heimlichkeiten noch Intrigen geben wird, erkläre ich mich bereit, mit ihnen gemeinsam die Kuh vom Eis zu holen”.
Herr Weesow und Herr Bergmann sahen sich zuerst sich und dann Jule an. An ihren Gesichtern konnte Jule die Erleichterung sehen.
Beide Männer standen auf und kamen um den Schreibtisch herum und reichten Jule die Hand. “Danke”, sagten sie wie aus einem Munde. Alle atmeten auf.
Nach der Mittagspause setzten sie sich zusammen und jeder brachte seine Vorschläge auf den Tisch.
Schon nach kurzer Zeit einigten sie sich, das es wohl am besten wäre, die Stadtverwaltung, die Kirchengemeinden und die Firmen persönlich aufzusuchen.
Bis dahin war es wichtig, so schnell wie möglich eine digitale Plattform zu erschaffen, auf der man alles deutlich und anschaulich zeigen konnte.

Nach ca. 2 Wochen war die digitale Plattform soweit gediehen, dass man sie zu Präsentationszwecken vorzeigen konnte. Chris Bergmann erwies sich als professioneller
Web – Gestalter. Alles war klar, übersichtlich und vor allem einfach in der Bedienung.
Jule begann erste Termine zu machen. Das war eine zähe Arbeit. Es waren Sommerferien in Brandenburg und außerdem war es extrem heiß. Da gab es keinen Tag unter 30 Grad. Geregnet hatte es seit Wochen nicht mehr.
Keiner hatte Lust, sich mit komplizierten Vorgängen zu beschäftigen.
Aus der Stadtverwaltung war zu hören, sie hätten jetzt andere Sorgen.
Das Wasser wurde knapp und man müsse sich um neue Brunnen kümmern. Das betraf in erster Linie die Stadtwerke, aber die Stadtverwaltung wurde mit ins Boot geholt.
Von einer Kirchengemeinde kam die Antwort: “Werneuchen ist die kleinste Kirche in unserer Gemeinde. Da wäre es etwas überzogen, das ganze zu digitalisieren”.
Von beiden anderen Gemeinden kam vorläufig keine Antwort.
Auch bei den Unternehmen war es schwierig. Die meisten waren nur Filialen von großen Unternehmen und die kleinen Alteingesessenen waren den neuen Medien gegenüber nicht besonders aufgeschlossen.

Die Zuversicht schwand mit jedem Tag.
Eines Nachmittags klopfte es an der Bahnhofstür. Frau Patzelt, sie war wieder gesund geschrieben, öffnete die Tür und war plötzlich wie ausgewechselt.
“Herr Bürgermeister, Herr Bürgermeister, das ist ja eine Freude sie hier zu sehen”.
Jule und Chris Bergmann schauten sich nur an und grinsten.
Der Bürgermeister trat ein und brummte einen “Guten Tag”. Seine Miene war düster.
Herr Weesow kam aus seinem Büro gestürmt und schüttelte dem Verwaltungschef die Hand. Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus.
“Herr Bürgermeister, es ist eine große Freude, Sie hier in unserem alten Bahnhof begrüßen zu dürfen”.
Dieser antwortete wieder etwas brummig: “Na ja, der Bahnhof ist wohl jetzt im Besitz ihrer Firma, aber gehört immer noch zu dieser Stadt”.
Das ging ja gut los.
Herr Weesow bat den Herrn Bürgermeister, Jule und Chris Bergmann in sein Büro, bot ihnen Platz an und beauftrage Frau Patzelt Erfrischungen anzubieten.
Bevor irgendjemand die Chance hatte etwas zu sagen, brummte der Bürgermeister los.
“Ich persönlich halte ja überhaupt nichts von dieser Digitalisierung. Jetzt sagen sie mir einfach mal in drei Sätzen, welchen Vorteil die Stadtverwaltung und welchen Vorteil unsere Bürger hätten!”
Es trat ein Moment der Ruhe ein.
Nach einigen Sekunden räusperte sich Jule, schaute fragend Herrn Weesow an. Der nickte ganz erleichtert und gab mit Handzeichen zu verstehen, das Jule jetzt das Wort hatte.
“Herr Bürgermeister, das ist wirklich recht schnell erklärt.
Ich weiß, das bestimmte Menschen sehr am Papier hängen. Das heißt, das ist die Altersgruppe, die vor 1980 geboren wurde. Briefe, Rechnungen und Zeitungen möchten sie einfach in Papierform erhalten. Dagegen steht ganz eindeutig der Zeitaufwand.
Niemand muss mehr Zeitungen austragen und keiner Briefe zukleben und frankieren.
Die Informationen sind immer und überall abrufbar.
Das Image eines Unternehmens oder in Ihrem Fall, die der Verwaltung steigt ganz erheblich an. Ganz sicher bei der jüngeren Generation.
Aber ganz sicher ergibt das einen positiven ökologischen Fußabdruck dank des minimierten Papiereinsatzes”.
Der Bürgermeister nickte bedächtig, schwieg aber eine ganze Weile. Alle waren ganz gespannt.
Dann ergriff der Bürgermeister das Wort: “Also gut, probieren wir das mal aus.
Aber eins müssen sie mir versprechen: Ich möchte ein Wörtchen mitzureden haben und ich möchte, dass meine Mitarbeiter ordentlich geschult werden”.
Jule, Herr Weesow und Chris Bergmann klatschten Beifall. Die Erleichterung waren allen anzusehen.
Herr Weesow ergriff als erster das Wort: ” Herr Bürgermeister, das fällt mit aber ein Stein vom Herzen. Wir versprechen ihnen, wir geben unser Bestes. Sobald wir eine Grundlage erarbeitet haben, laden wir sie ein, um ein weiteres Vorgehen mit ihnen zu besprechen”.

So plötzlich, wie der Bürgermeister gekommen war, verschwand er auch wieder.
Das gegrummelte “Bis bald” war kaum zu hören.
Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, brachen alle Mitarbeiter in Jubel aus. Die Last der letzten Tage verschwand und ein Leuchten erschien auf den Gesichtern.

 

Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob das alles ohne Schwierigkeiten über die Bühne gegangen ist, ich bin mir aber ganz sicher, dass ich mir das alles nur ausgedacht habe.

 

Bis bald

Eure Jutta