Im alten Bahnhof – Kapitel 3 Eine Geschichte aus Brandenburg

Was bisher geschah :Kapitel 1

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Am nächsten Morgen war Jules erste Handlung ihren Bildschirm wieder zu reinigen.
Es klopft an ihrer Tür. Sofort darauf wird die Tür geöffnet. Jule hat keine Gelegenheit ein “Herein” zu rufen.
Herr Weesow kam schnellen Schrittes auf sie zu und überreichte ihr einen ganzen Stapel handgeschriebener Din A 4 Blätter.
“Wenn Sie das bitte schnellst möglichst für mich tippen würden, ich brauche das noch heute Vormittag”.
Da kam kein “Guten Morgen, Frau Kienitz” oder ähnliches. Kein Lächeln, kein Nichts.
Seine Miene war wie versteinert.
Jule fand im ersten Moment gar keine Worte.
“Äh, ich äh…was heißt denn tippen? Soll das eine Mail werden oder soll das ein Dokument werden”? Sie sah ihn mit großen Augen an.
Herr Weesow antwortet in einem sehr barschen Tonfall: “Frau Patzelt hat sich wegen ihnen krankgemeldet und ich habe jetzt niemanden, der für mich die Schreibarbeiten übernimmt”!
Jule holte tief Luft und antwortete ihm sehr freundlich aber bestimmt: “Herr Weesow, selbstverständlich werde ich das für Sie schreiben, auch wenn es nicht zu meinen Aufgaben gehört Schreibarbeiten zu übernehmen. Sie müssten mir aber trotzdem verraten, was das letztendlich werden soll”!
“Das hat immer Frau Patzelt gemacht. Woher soll ich das wissen. Das ist ein Schreiben an die hiesige Stadtverwaltung. Das kann doch nicht so schwer sein”!
Jule nahm ihm die beschriebenen Blätter ab und nickte. “Das wird erledigt”.

Herr Weesow verließ schnaubend das Büro.
Jule stand da und konnte es irgendwie nicht fassen.
Und schon wieder klopfte es an der Tür. Diesmal hatte sie die Gelegenheit “Herein” zu rufen.
Die Tür öffnete sich und Chris Bergmann trat ein. Sofort schloss er die Tür hinter sich wieder.
“Frau Kienitz, ich muss ganz kurz mit ihnen reden. Gestern nachdem sie das Büro verlassen hatten, war Herr Weesow völlig außer sich. Er war unglaublich wütend und seine Originalworte waren: -Dieser Ziege werde ich zeigen was eine Harke ist-!
“Danach verschwand er in seinem Büro und telefonierte noch sehr lange und sehr lautstark. Offenbar wurde die Einstellung von ihnen und uns drei Männern über seinen Kopf hin vorgenommen. -Dieser digitale Scheiß ist doch der absolute Schwachsinn-, das waren seine Worte. Wir drei “Neuen” haben dann gestern noch ein Bier zusammen getrunken und beratschlagt, wie wir jetzt vorgehen sollen. Und eins war ganz klar, egal was wir unternehmen, wir nehmen sie natürlich mit ins Boot”.
Jule blieb die Luft weg. Was ging hier vor sich. Erst näherte Herr Weesow sich ihr auf sehr anzügliche Art und Weise und nachdem das nicht gezogen hat, versucht er sie jetzt einzuschüchtern.
Sie richtet das Wort an Herrn Bergmann: “Sagen Sie, was soll das alles, können Sie sich einen Reim darauf machen”?
“Nein, noch nicht, aber ich habe da so eine Idee. Herr Weesow ist offensichtlich nicht in der Lage, mit den neuen Medien umzugehen. Vielleicht fürchtet er um seinen Arbeitsplatz und versucht nun mit allen Mitteln Sie noch während der Probezeit wieder loszuwerden”.
Jule dachte kurz nach und sagte dann: “Das erklärt auch das “Tippen” von heute Morgen.
Es ist schon lange nicht mehr üblich solche Arbeiten weiterzugeben”.
“Das sehe ich auch so. Dann werden sicher noch andere seltsame Dinge geschehen.
Frau Kienitz, wir werden das im Auge behalten, das heißt, wir werden auf Sie achtgeben”
“Oh, das finde ich richtig gut. Ich muss nicht alleine durch diese Situation und habe immer Menschen um mich herum, die das alles mit beobachten und ich habe nicht Gefühl nicht mehr richtig zu ticken”.
Herr Bergmann lachte. “Dieses Gefühl habe ich auch schon kennen gelernt. Bei meinem ersten Arbeitgeber gab es auch einen Kollegen, der wegen mir um seinen Arbeitsplatz fürchtete und dann die seltsamsten Dinge tat”.

Jule atmete tief durch und sagte dann: “Dass alles bleibt aber unter uns und wir werden uns auch nicht öffentlich zu erkennen geben. Vielleicht sollten wir unsere Telefonnummern austauschen und dann die modernen Medien nutzen, um uns gegenseitig zu informieren”:
“Das ist eine super Idee”! In wenigen Sekunden hatten sie den Tausch vollzogen und mit einem letzten Grinsen verschwand Chris Bergmann wieder in dem anderen Büro.
Nachdem der Bildschirm gesäubert war, machte Jule sich an die Arbeit des “Tippens”.
Anschließend lieferte sie die Schriftstücke bei Herrn Weesow ab. Er nickte nur kurz und brachte ein genuscheltes Danke hervor.

Jetzt ging es an die tatsächliche Arbeit. Jule trat mit einem Fachberater für Bürotechnik in Verbindung und dieser versprach noch am gleichen Nachmittag seinen Besuch.
Gegen 14.00 Uhr stand der Mitarbeiter der Firma “Netz für alle” in der Tür.
Offenbar ein sehr kompetenter Mann. Nach relativ kurzer Zeit war klar, wo die Reise hin ging.
Es sollte ein Netzwerk entstehen. Innerhalb der kleinen Firma aber auch mit der örtlichen öffentlichen Verwaltung. Schließlich sollten die Mitarbeiter der Verwaltung zukünftig ihre Beiträge ganz einfach online einstellen können. Das würde allen unglaublich viel Zeit ersparen.
Die ortsansässigen Firmen konnten dann ganz genauso unkompliziert ihre Werbung schalten. Das war zwar nicht kostenfrei, schließlich wollte Jules Arbeitgeber Geld verdienen, aber es erleichterte vielen die Arbeit. Vor allem der Bürger brauchte nur noch zwei Clicks um sich zu informieren.
Ausnahmsweise verzichtete Jule auf weitere Angebote. Das gab vermutlich Diskussionen, aber sie würde das Konzept schon zu verteidigen wissen.
Den ganzen Nachmittag über verfasst sie ein umfassendes Dossier. Dann speichert sie es auf dem Rechner und druckt es auch aus. Morgen würde sie das den Mitarbeitern und Herrn Weesow vorstellen.
Sie verließ als letzte den alten Bahnhof und radelte nach Hause.
Peter wartete schon und war ganz gespannt auf die “Ereignisse”.
Auch heute saßen sie wieder lange auf der Terrasse.

Am nächsten Morgen ging Jule in ihr Büro und wollte sich ihr Dossier noch einmal in Ruhe anschauen.
Sie griff in die Ablage. Die war leer. Jule stutzte. Sie fuhr den Rechner hoch und öffnete die entsprechende Datei. Nichts. Jetzt schaute sie in den Papierkorb neben ihrem Schreibtisch und natürlich auch in den digitalen Papierkorb. Nichts.

Sie ging hinüber ins Büro zu den anderen Mitarbeitern und fragte mit ernster Miene, ob jemand ihr Dossier gesehen hätte oder ob jemand an ihrem Rechner gewesen wäre.
Alle schüttelten mit dem Kopf.
Herr Wessow, der gerade eben das Büro betreten hatte, sagte: “Ihren Rechner kann man doch nur nutzen, wenn man das Passwort kennt”:
Das stimmte, aber woher wusste das ein Herr Weesow?

Wie es weitergeht erfahrt Ihr im 4. und letzten Kapitel

Eure Jutta