Im alten Bahnhof – Kapitel 2 Eine Geschichte aus Brandenburg

Was bisher geschah: Kapitel 1

 

Jetzt saßen sie da, in diesem kleinen italienischem Restaurant:

Jule und ihr Vorgesetzter, der Herr Weesow.
Herr Weesow war Jule gegenüber sehr charmant und zuvorkommend.
Doch Jule war vorsichtig. Sie konnte innerlich nur schmunzeln.
Es war offensichtlich ganz egal, ob es ein kleiner Student, ein Fabrikarbeiter oder ein Chef war. Alle hatten sie das gleiche Muster. Sie waren fleißig, strengten sich an und sparten für die Familie. Die Ehefrauen nahmen sie sich zum Kinderkriegen und um die Zukunft zu stärken.
Den Spaß aber, den Spaß den suchten sie woanders, manche Männer jedenfalls.
Sollte Herr Weesow doch seinen Charme spielen lassen. Jule konnte damit umgehen.

Nach einer guten Stunde kehrten sie zurück in den alten Bahnhof.
Jule vereinbarte mit den anderen Mitarbeitern einen Kaffee zu trinken, um sich besser kennenzulernen.
Alle versammelten sich im Besprechungszimmer.
Es waren sechs Kollegen. Drei Frauen und drei Männer. Das war sehr übersichtlich.
Die Damen gehörten schon lange zu diesem kleinen Unternehmen, das bisher unter anderem für das örtliche Amtsblatt mit den regionalen Bekanntmachungen zuständig war.

Die Männer waren allesamt Neueinstellungen, genau wie Jule. Sie sollten zukünftig nicht nur den öffentlichen Anzeiger digitalisieren sondern auch eine Webseite gestalten, die den ortsansässigen Unternehmen Werbemöglichkeiten zur Verfügung stellt.
Hier traf alt auf neu. Genau so, wie in diesem alten Bahnhof.
Die drei Herren hatten schon gute Ideen, die sie den anderen Mitarbeitern erläuterten.

Nachdem das alles besprochen war stand Jule auf und hielt eine kleine Ansprache:

“Liebe Kolleginnen und Kollegen, das war bisher sehr vielversprechend. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit und hoffe, dass wir alle Ziele, die wir uns gesteckt haben, gut erreichen und vielleicht sogar Spaß bei unserer Arbeit haben.
Ich weiß, es liegt ein arbeitsreicher Weg vor uns, aber wir kriegen das ganz sicher hin.
Morgen werden wir uns gemeinsam über die Neuanschaffungen unserer kleinen digitalen Welt Gedanken machen”.
Frau Patzelt stand auf und fing an zu reden: “Und wie stellen sie sich diese Arbeit dann vor? Sollen wir Frauen nur noch Kaffee kochen und die stumpfsinnigen Arbeiten machen”?
Jule versuchte ganz ruhig zu bleiben. “Nein, natürlich nicht. Sie werden von uns ausführlich mit den neuen Medien vertraut gemacht. Wenn sie möchten, besuchen sie auch Lehrgänge, die selbstverständlich während der Arbeitszeit stattfinden und wofür die Kosten ebenfalls übernommen werden”.
Frau Patzelt stand immer noch und ihre Körperhaltung deutete Ärger an.
“Was denken sie sich eigentlich? Kommen hier her und meinen sie hätten die Welt neu erfunden. Diese Welt hat sich bisher auch sehr gut ohne sie funktioniert”!
Sie stampfte aus dem Besprechungszimmer.
Jule atmete ganz tief durch und drehte sich dann zu den anderen Kollegen um.
Die beiden anderen Damen starrten vor sich hin und die drei Herren grinsten ganz versteckt.
Jule ergriff das Wort: “Ich verstehe das nicht, warum ist Frau Patzelt so erbost. Das ist doch nicht meine Initiative, ich bin dafür eingestellt worden. Das Ganze ist die Idee der Geschäftsleitung und ich denke, das ist auch durchaus zeitgemäß. Wenn man in dieser Zeit heute nicht mit dem Fortschritt mithält, steht man ganz schnell in der hintersten Reihe”.
“Und, das war schon immer so”, schob sie hinterher.
Die drei Herren nickten zustimmend.
Einer von den dreien stand ebenfalls auf und stellte sich nochmals ordentlich vor: “Mein
Name ist Chris Bergmann und ich bin zukünftig zuständig für das Internet, den Server und die Software. Und natürlich werde ich die Damen unterstützen, wo es nur geht. Aber, sie sollten uns aber auch entgegenkommen. Hier prallen jetzt zwei Welten aufeinander. Wir müssen uns entgegenkommen, sonst gibt das keine guten Ergebnisse”.
Jule fiel ein Stein vom Herzen.
“Herr Bergmann, dass hätte ich nicht besser formulieren können. Vielen Dank dafür”.
Die Runde verabschiedete sich jetzt in den Feierabend:

Jule ging in ihr Büro. Stocksteif blieb sie stehen. Ihr Bildschirm war mit Farbe beschmiert.

 

 

Jule schluckte, ihr stieg die Hitze ins Gesicht.
Was sollte das und wer war das?
Hab’ ich das verdient, fragte sich Jule?
Da ging hinter ihr die Tür auf und Jule schreckte zusammen.
Es war Herr Weesow.
Frau Kienitz, was ist denn hier passiert”? Er nahm sie in die Arme.
Jule schüttelte ihn ab und fand sein Verhalten total überzogen.
Was zum Kuckuck sollte das?
“Herr Weesow, ich möchte Sie höflichst darauf hinweisen, das ich eine ihrer Mitarbeiterinnen bin und Sie mein Vorgesetzter”!
“Entschuldigen Sie, Frau Kienitz, ich wollte Sie nicht bedrängen”.

Jule hatte alle Mühe, ihre Fassung zu bewahren.
Sie atmete mehrmals tief durch und wandte sich dann ihrem Chef zu:
“Herr Weesow, ich werde jetzt einfach mal den Arbeitstag beenden und wünsche ihnen einen schönen Feierabend. Wir sehen uns morgen frisch und motiviert”
Herr Weesow schaute ihr lange hinterher.

An diesem Abend saßen Jule und Peter noch lange zusammen und besprachen die Situation. Ihre neue Tätigkeit versprach auf jeden Fall nicht langweilig zu werden.

Und wir sehen uns bei Kapitel 3

Bis bald

Eure Jutta