Im alten Bahnhof – Kapitel 1 Eine Geschichte aus Brandenburg

Jule stand vor dem Badezimmerspiegel. Ihre Haare standen wie bei einem Igel in alle Richtungen ab.
Sie hatte schlecht geschlafen, denn heute sollte ihr erster Arbeitstag bei einem neuen Arbeitgeber sein.

Jule und Peter waren aus Berlin nach Brandenburg gezogen.
Und tatsächlich hatte Jule in ganz kurzer Zeit einen neuen Arbeitgeber gefunden. Kaum zu glauben. Jetzt musste sie sich nicht mehr morgens in die lange, sehr lange Autoreihe einreihen, um dann im Schritttempo an ihren Arbeitsplatz zu gelangen.
Das Büro von ihrem Arbeitgeber war in einem alten Bahnhofsgebäude untergebracht. Das war wohl so ungefähr 1890 erbaut worden. Fast ein bisschen romantisch.
Jetzt hatte sie doch ein wenig Herzklopfen.
Aber jetzt Augen zu und durch. Der Weg zu Fuß war ganz kurz.
Nach nur wenigen Minuten hatte sie das alte Bahnhofsgebäude erreicht.
Sie öffnete die Eingangstür und betrat die ehemalige Schalterhalle.
Da hatte man verstanden Altes und Neues wunderbar miteinander zu verbinden. Das gefiel Jule sehr.
In dem Moment ging eine Tür auf und ihr neuer Chef kam strahlend auf sie zu.
„Frau Kienitz, es ist schön sie hier zu sehen. Herzlich willkommen an Ihrem neuen Arbeitsplatz“.
Er reichte Jule die Hand und fasste sie am Arm, um sie zu ihrem Arbeitsplatz zu geleiten.
Im Büro angekommen, wurde sie auch gleich den anderen Mitarbeitern vorgestellt.
Das war eine bunte Mischung aus Jung und Alt. Die Jüngeren lächelten freundlich, die Älteren schauten irgendwie säuerlich drein.
Jule wurde der Reihe nach vorgestellt. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie aber etwas schier Unglaubliches. Auf den Schreibtischen standen zwei mickrige, uralte Röhrenbildschirme und mehrere mechanische Schreibmaschinen.
Es war kaum zu glauben, hier sollte eine Filiale eines Unternehmens aus Berlin aufgebaut werden.
Die Firma Creativmaxx hatte Jule als Mediengestalterin für Digital und Print eingestellt.

Die kleine Stadt am Rande von der Hauptstadt wuchs immer mehr und somit gab es auch hier moderne Arbeitsplätze.
Aber warum nur hatte sie im Rahmen des Vorstellungsgespräches in der Firmenzentrale auf eine Besichtigung der Niederlassung hier im Ort verzichtet?
Das konnte doch nicht wahr sein. Wo war sie hier gelandet und wie sollte sie mit dieser Ausstattung kreativ arbeiten? Das hieße ja alles erstmal ordentlich ausstatten und dann Schulungen vornehmen.
Das alles ging Jule in wenigen Sekunden durch den Kopf.
Die Vorstellungsrunde war vorbei und Jule hatte nicht aufgepasst. Das war fatal. Das würden ihr bestimmt einige übel nehmen. Auf jeden Fall die älteren Damen.
Im Hintergrund hörte sie ein Nuscheln. „Wer braucht denn schon das Internet. Früher ging das auch alles“.
Jule drehte sich um und sagte einfach so in den Raum hinein:
„Das Internet ist wie eine Welle: Entweder man lernt, auf ihr zu schwimmen, oder man geht unter.“ „Und das ist nicht von mir, das hat Bill Gates einmal gesagt“.
„Und wer ist Bill Gates“ fragte die Dame mit dem Haarschnitt von einem Pudel.
„Oh, Bill Gates war der Gründer der Firma Microsoft“.
„Ach, ja. Muss man den kennen oder diese Firma“?

Jule sah zu ihrem Chef und fragte zaghaft: “Können wir uns eventuell unter vier Augen unterhalten“:
Herr Weesow, so hieß der Vorgesetzte, bat sie auch sogleich in sein Büro und schloss die Tür hinter ihr.
„Ich glaube, da hat unser Geschäftsführer wohl nicht ganz die Wahrheit gesagt, aber seien Sie versichert, Frau Kienitz, sie haben meine absolute Unterstützung. Wir verfügen auch über entsprechende Geldmittel, diesen Filialbetrieb so auszustatten, dass wir wieder konkurrenzfähig werden. Das heißt natürlich auch, dass Schulungen durchgeführt werden müssen und das wird bestimmt nicht einfach. Ganz sicher nicht bei unseren Damen. Diese Frauen sind hier schon so lange beschäftigt, dass sie quasi Bestandsschutz haben.
Aber ich bin ganz sicher, dass wir das gemeinsam schaffen.
Ich zeige ihnen jetzt ihr Büro, kommen sie bitte”.

Wir gingen 2 Türen weiter und hier sah die Sache schon ganz anders aus.
Das Büro war groß, freundlich und hell. Und auf dem Schreibtisch stand ein nigelnagelneuer Flachbildschirm und ein hoffentlich leistungsstarker Rechner.

Da fiel Jule ein Stein vom Herzen, vielleicht war es doch nicht so schlimm, wie es im ersten Moment aussah.
Herr Weesow lächelte ihr freundlich zu und tätschelte ihre Schulter.
Sofort erschienen auf Jules Stirn ein paar kleine Falten. Das kannte sie doch vom letzten Arbeitgeber…
Sie trat zwei Schritte zurück und schluckte. Dann richtete sie das Wort an ihren Vorgesetzten:
„Herr Weesow, wieviel Freiraum habe ich zur Verfügung und inwieweit darf
ich Entscheidungen selber treffen “?
„Das werden wir jetzt Punkt für Punkt durchsprechen”.
Jule hörte aufmerksam zu und machte sich etliche Notizen.
Nach einer guten halben Stunde waren die wesentlichen Dinge besprochen.
Wieder lächelte sie Herr Weesow  sehr freundlich an, stand auf und näherte sich ihrem Stuhl.
“Frau Kienitz, nachdem sie auf diesem Gebiet schon fundierte Kenntnisse haben und zudem eine EDV – Spezialistin sind, hat Sie uns quasi der Himmel geschickt“.

„Das erwähnte Ihr Geschäftsführer schon bei meinem Einstellungsgespräch und ich bin auch wirklich froh, einen tollen Arbeitsplatz so direkt vor der Haustür gefunden zu haben.
Jetzt ist es erst einmal wichtig, die Mitarbeiter mit ins Boot zu holen. Die Damen machen nicht gerade einen begeisterten Eindruck. Und ich glaube, es wird wohl ein Weilchen dauern, bis wir dort angekommen sind, wo das Unternehmen hinwill“.

„Frau Kienitz, ich freue mich jetzt schon auf unsere gemeinsame Zeit”.
Wieder landete seine Hand auf ihrer Schulter.
“Lassen sie uns zu den anderen Mitarbeitern gehen“.

Die beiden gingen wieder zurück ins Großraumbüro und Jule ließ sich von den einzelnen Mitarbeitern die jeweiligen Arbeitsbereiche erklären.
Jetzt war sie bei der Dame mit der Pudelfrisur, Frau Patzelt. Diese saß an ihrem Schreibtisch mit einem Bleistift in der Hand und korrigierte eine Zeichnung. Ein Radiergummi und ein Anspitzer waren offensichtlich ihre ganz Ausstattung.
Der Empfang war sehr frostig. „So, Sie wollen uns jetzt wohl beibringen wie man arbeitet. Sie sind ja noch grün hinter den Ohren und überhaupt, wo kommen sie eigentlich her“?

„Ich bin 30 km von hier geboren, dass ist quasi meine Heimat“.

„Papperlapapp, hier auf dem Lande gehen die Uhren doch ganz anders”, entgegnete Frau Patzelt. “Das werden sie auch schon noch merken“!
Jule wurde es plötzlich heiß. Das konnte ja heiter werden.
Bis diese Dame verstehen würde was RGB und CMYK, was digitales Arbeiten heißt, das würde wohl noch längere Zeit dauern.

Frau Patzelt richtete das Wort an die anderen Mitarbeiter:”
Frau Kienitz und ihr Mann sind das Ehepaar, die das Grundstück vom alten Herrn Wurster gekauft haben”.
Frau Patzelt drehte sich zu Jule um und fragte mit einem süffisanten Lächeln:
“Was wollte denn die viele Polizei von ihnen in der letzten Woche”?
Jule stockte der Atem. Das ist wohl Leiden auf den ersten Blick. Und so ist es also das Landleben. Hier wusste jeder über jeden Bescheid. Das würde sie sich merken müssen.
Sie sah Frau Patzelt freundlich an und sagte: “Das war nur ein Irrtum, das hat sich schon aufgeklärt”.
Die anderen Mitarbeiter grinsten.

Es war Zeit für die Mittagspause. Herr Weesow lud sie ein, mit ihm in das kleine italienische Lokal zu gehen, um eine Kleinigkeit zu essen.
Und wieder tätschelte er ihre Schulter.
Wie gut, das niemand hören konnte, was Jule dachte…

 

Und bald folgt Teil 2

Eure Jutta