Das Gesicht

Das Gesicht

Ich lebte damals in einer kleinen Stadt in Bayern.
Allen Leuten fiel ich immer gleich auf. Ich sprach ja nicht ihren Dialekt.
Es ist auch schwierig einen Dialekt zu sprechen, mit dem man nicht groß geworden ist.
Ich bin in Berlin geboren und das ist im Freistaat Bayern ziemlich ungeheuerlich.
Nahezu dreist. Aber ich nahm das mit Humor.

Eines Tages gab es einen neuen Postboten.
Er kam jeden Tag ins Büro des kleinen Unternehmens, um die Post zu bringen.

Natürlich war ich ein neues Gesicht für ihn in dieser kleinen Stadt und er sprach mich auch sofort an.
Irgendwie habe ich wohl seine Aufmerksamkeit erregt. Ich sah es ihm an.
Da begann etwas in ihm zu arbeiten.
Genau das passierte auch die folgenden Tage.
Dann fing er an, mit mir zu flirten. Und ich fing an, ein wenig zurückzuflirten. Nur ein wenig. Ich wollte ja nicht noch mehr auffallen. Schließlich hatte ich ja einen Ruf zu verteidigen. Die Augenbrauen meiner Kolleginnen gingen ohnehin zu oft nach oben.
Und die bayerisch – katholischen Ansprüche an eine junge, allein lebende Frau sind hoch.

Und eines Tages stand er vor dem Haus, in dem ich eine Wohnung gemietet hatte.
Er machte mir Komplimente, eindeutige Komplimente.
Sein Name sei Hans und ob er wohl mit hinein kommen könne. Das verneinte ich natürlich. Aber ich gab ihm meine Telefonnummer. Er solle sich gelegentlich mal melden und dann könnten wir uns auf einem Kaffee in der Konditorei zu treffen.
Das schien ihm gar nicht zu gefallen, aber er ging auf meinen Vorschlag ein.

Noch am gleichen Abend klingelte das Telefon. Es war Hans.
Ich war nicht sonderlich überrascht, aber in meinem Kopf läuteten ganz leise die Alarmglocken.
Jedenfalls trafen wir eine Verabredung, im 40 km entfernten Nürnberg.
Warum so weit weg, dachte ich? Aber gut, mal wieder Großstadtluft schnuppern ist sicher nicht verkehrt.

Dann war es soweit. Hans fragte ganz unverhohlen nach meinen Lebensumständen. Er wollte wissen, ob ich verheiratet sei oder einen Partner hätte. Kurz, ob ich denn wohl allein lebe.
Der Junge ging ja ganz schön zur Sache. Schließlich rückte er mit seinem Anliegen heraus.
Er würde sehr gern mit mir ein Verhältnis beginnen.
Da er aber verheiratet sei, könnten wir uns nur 2 x in der Woche treffen. Das aber sehr zuverlässig.
Ehrlich gesagt, ich war ganz schön geplättet. Ich saß einfach nur da und sagte nichts.
Er sah mich mit großen Augen an und erwartete offensichtlich eine Antwort.
Dann kam das schier Unfassbare:
Er würde mich jeden Dienstag und jeden Donnerstag zuverlässig von 04.00 Uhr – 06.00 Uhr besuchen kommen. Eventuell auch sonntags zur gleichen Zeit.
Ich stockend: Aber ich habe erst um 18.00 Uhr Feierabend, das kann gar nicht funktionieren.
Nein, nein, meine Kleine, ich meine morgens. Du kannst Dich ja dann wieder für ein Stündchen hinlegen.
Ich sah in fragend an.
Na, ganz einfach, antwortete er, ich gehöre zur Zunft der Jäger. Da fällt es nicht auf, wenn ich morgens fort bin. Das ist meine Frau gewohnt.
Sie hat eine Metzgerei geerbt. Und im Testament ihres Vaters steht, ich werde erst als Erbe mit eingesetzt, wenn ich mich 10 Jahre bewährt habe. Da würde so ein Verhältnis, wenn es ans Licht käme, ziemliche Folgen für mich haben. Diese Metzgerei muss ich aber unbedingt haben.

Ich hörte gar nicht weiter zu und stand auf mit den Worten:Ich denke, der Kaffee geht auf Dich. Servus Hans!

Damit verschwand ich ohne mich umzusehen aus dem Café und lief so schnell als möglich zu meinem Auto. Ich musste mehrmals tief Luft holen, um dann ganz unvermittelt laut zu lachen.

Auf dem Weg nach  Hause schmiedete ich einen Plan.

Am nächsten Vormittag stand Hans wieder im Büro mit der Post in der Hand. Ich begrüßte ihn honigsüß, lachte ihm freundlich zu und fragte, ob er nicht eventuell einen Kaffee möchte. Meine Kolleginnen zogen ihre Augenbrauen hoch, wie so oft.
Hans war irritiert.
Das Spiel spielte ich die ganze Woche.

Mittlerweile hatte ich herausbekommen wo die Metzgerei war und wie seine Frau mit Vornamen hieß, nämlich Melanie.

Am Samstagabend war es dann soweit. Es klingelte an der Tür. Ich griff zum Hörer der Gegensprechanlage und sagte superfreundlich guten Abend.
Ich bin es, Hans, tönte es aus dem kleinen Lautsprecher.
Hallo Hans, antwortete ich, das trifft sich ja gut.
Darf ich kurz zu Dir nach oben kommen, fragte Hans?

Aber gern, Deine Frau Melanie ist auch gerade da und wir könnten alles in aller Ruhe besprechen.
Ich hörte nur ein Klicken in der Gegensprechanlage und dann war es still.

Zu gern hätte ich sein Gesicht gesehen.

 

Bis zum nächsten Mal

Eure Jutta

 

3 Kommentare

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